Trennen und Verbinden
Streifen und Entfernungen
Die Herauslösung und andauernde Aneinanderreihung des Einzelnen - Martens Logik
von Tatjana Doll

Ist es die Suche nach dem Farbstreifen an sich? Dem Strahl? Dem Starren? Doris Martens Streifen werden fortwährend isoliert, wobei das Vorgehen Hand in Hand mit dem entschiedenen Endprodukt passiert. Tesabänder, selber Gewebe, werden geklebt und entfernt um die harten Kanten zu ermöglichen. Dies greift Doris Marten in dem Bild Besa-Tesa-Wesa tanzt gezielt auf, der Titel in Anlehung an Broadway Boogie-Woogie von Mondrian. Die Verwebungen des Bildes von Doris Marten sind in den Farben der verwendeten Tesakreppbänder gemalt. Ein autonomes Bild, des bewusst den Moment des möglichen Farbeinsatzes intendiert. Die harten Streifen/Verwebungen der 36-er Sequenz haben sich selbst ihr Prinzip im Lagern geschaffen und hierin für Doris Marten eine neue denkbare Präsentationsform gefunden. Das entscheidende Wesensmerkmal ist wie auch bei den anderen Bildern, Leinwänden, Plexiglasscheiben die Umwicklung: Von der reinen 2D Oberfläche weggehen, den Streifen von vorne, hinten und von der Seite beobachten. Die 36 Spanplatten sind auf der uns bekannten, vereinbarten Oberfläche bemalt und dem Prinzip der sonst an den Kanten heruntertropfenden Farbe folgend um die Ecke gemalt.
Bilder die gestapelt werden, wenn die Wandfläche nicht vorhanden ist, werden normalerweise totes Material, doch hier ergibt sich durch die Kanten das Raster, im Aufblick, Seitenblick des Stapels ein neues Bild, und das Verbinden wird wieder zum dauernden Vorgang fixiert. Minutiös wurde die Hauptfläche Platte um Platte beklebt, bemalt, gelöst, und schließlich dem Realitätsbezug, die Platten in Stapeln aneinander zu lehnen, Vorrang eingeräumt. Rechnet man noch mit dem Weggenommenen, dem aus-den-Augen-Geschafften?
Durch die Isolierung der Lackbänder - ein Streifen - zwei Streifen - wird der Träger abgelegt, wobei kein neues Material geschaffen werden soll, sondern höchstmögliche Trennung. Die Lackbänder präsentieren sich von beiden Seiten. Erneut die Frage: Was wird benötigt, einen Streifen zu erhärten, ist er stabil oder labil? Der abgetrennte, isolierte, deformierte Streifen, der sich nicht mehr auf die Härte von jeher verlassen kann, befindet sich in der Rolle des losen Teils. Doris Marten beschreibt diese Loslösung erneut in einer weiteren Verhaltenskategorie: Wie Maria sich selbst als abstrakter Farbfleck erschien. Auf die Zuhilfenahme inhaltlicher Reize in den Bildern wird ausdrücklich verzichtet. Die Bildlogik ist selbst hier nüchtern, sie ist keine Geometrieaufgabe, sondern es geht um das Wissen, dass die komplizierten Farbformen/-flächen restlos in der einfachen Gestalt aufgehen. Mary wird in der immer wieder energetischen Akribie im vereinfachten Fotorealismus in Originalgröße gemalt. Frontal betrachtet erscheint sie verzerrt, eignet sich Volumen und Rundungen an. Dreidimensionalität in zweidimensionaler Anordnung bedeutet die Größen, Entfernungen, Winkel absichtlich zu verfälschen. Die eigene Verformung im Spiegel stellt auch die Frage nach dem Vergleich. Der Vergleich setzt voraus, durch früher erworbene Kenntnisse Vereinbarungen akzeptiert zu haben (sofern wir eine Giraffe kennen, werden wir ihren gestreckten Hals natürlich nicht als Verformung wahrnehmen). Die Ausführung des Bildes Mary in ihrer totalen Schlichtheit wird als die Verzerrte, die sie ist, verwendet für eine Inszenierung. Dies führt zu einem Fotogemälde, Foto gedruckt auf Leinwand "Wie Maria sich selbst als abstrakter Farbfleck erschien". Das Verzerrungssystem wird gebeutelt, die Leinwand in der Stellage so drapiert, dass die Person uns gewohnt 'richtig' erscheint, womöglich wird man noch nicht einmal an die Logik der frontalen Verformung erinnert. So könnte man vorschnell annehmen, mit einem alten 'richtig' gemalten Marienbildnis konfrontiert zu sein und beginnt, die Falten der 'realen' Stoffe in ihrer malerischen Leistung zu bewundern, trotz des 'abstrakten Farblecks' als Spiegel innerhalb des Bildes? Dies ist wohlgewägtes Kalkül.
Ist es nicht so, dass die visuelle Wahrnehmung, wenn sie die Wahl zwischen der einfacheren Form und der einfacheren Raumlage hat, sich für die erstere entscheidet? Die große Leistung der Bilder liegt für mich darin, dass sie zur Rationalisierung des Bewusstseins beitragen.