Mikrologie des Bildes
Über die Bildsysteme von Doris Marten
von Wolfram Eilenberger

Eines der faszinierendsten Phänomene unseres Zeitalters ist die Digitalisierung des Wirklichen. Die ehemals haptisch begreifbare Welt wird zunehmend entmaterialisiert und ästhetisiert, in digitalen Bildern dargestellt und vermittelt. Dies verändert unsere Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten – und damit auch die Malerei.
Der Bildschirm hat die traditionell weit zurückreichende und lang religiös bestimmte Funktion des Tafelbildes als Fenster in eine andere, bessere, reinere Welt übernommen. Obwohl jeder weiß, dass elektronische Bilder nahezu ausnahmslos manipuliert und perfektioniert sind, gilt ihre Ästhetik sowohl in abstrakter als auch in figurativer Hinsicht als Maß für Qualität, ja als Maß der Dinge.
Die Bilderserien von Doris Marten verweisen auf diese Problematik. Der Entmaterialisierung der Welt setzt die Künstlerin den Prozess der Realisierung von Gemälden entgegen. Gegenstand ihrer Malerei ist bei beiden Serien – GRIDS und PINK PAINTINGS – das immateriell Künstliche und das strukturell Entpersonifizierte.
Die Illusion digitaler Vorlagen und die Objektivitätsbehauptung serieller Strukturen werden in Doris Martens Gemälden durch die obsessive Technik des Malens überwunden. Der motivspendenden Momentaufnahme folgt der lange Prozess der Fertigstellung durch die Hand der Künstlerin. Dabei bedient sie sich dem digitalen Bildaufbau entsprechenden Methoden. Die Motive werden aus einzelnen Elementen, aus Streifen oder Linien gebaut, vernetzen sich zu gitterähnlichen Strukturen oder bilden in aneinandergereihten Schichtungen räumliche Lichteindrücke. Beide Serien entfalten nach ihrem konstruktivistischen Herstellungsprozess naturalistische beziehungsweise illusionistische Bildwirkungen.
Der Versuch einer Kategorisierung der Arbeiten von Doris Marten nach gängigen Sparten der abstrakten, konkreten oder konstruktiven Malerei ist deshalb müßig. Die GRIDS muten zwar konstruktiv an, bei näherem Hinsehen jedoch muss die Zuordnung in produktiver Weise fraglich werden. Die akribisch gemalten Streifen wirken wie mimetische Abbildungen von Klebebändern, sogar ein Reliefcharakter ist besonders bei den Überschneidungen durch die Dicke der aufgetragenen Farbmasse vorhanden. Wird die Mehrteiligkeit der GRIDS als gegeben angenommen, stößt man bei der Arbeit LEPANTO auf deren illusionistische Wiedergabe im Bild. Der gemalte Schatten der suggerierten einzelnen Bildkörper wiederum folgt eindeutig der Systematik der Bildherstellung.
Die bereits auf den ersten Blick erfassbare, zeitintensive Akribie der Herstellungsweise wirkt als Aufforderung, genauer hinzusehen. Kommt man ihr nach, wird die Notwendigkeit zur reflektierten Dynamisierung eigener Wahrnehmungs- und Kategorisierungsmuster für den Betrachtenden konkret erfahrbar.
Im Gegensatz zu digitalen Bildern, die sich beim Heranzoomen in Pixel auflösen, offenbaren Doris Martens Gemälde gerade auf der Mikroebene die Präsenz der Autorin im Werk. Minimale, handwerklich bedingte Abweichungen des Farbauftrags und kaum merkliche Schwingungen der Linienführung lösen den Individualitätsanspruch des Bildes ein, der durch die Mehrteiligkeit der GRIDS nochmals hervorgehoben wird. Aus einer unendlich fortsetzbaren Kombination repetitiver Intervalle und Formate drängt ein einzelner Ausschnitt ins Wahrnehmungsfeld, der seinerseits aus einer Fülle von kleinformatigen Bildern besteht, holistische Segmente des Gesamtsystems, im identischen Abstand neben- und übereinander gehängt, ohne Hierarchien, ohne eindeutiges Zentrum.
Die Weiterführung der Streifen um die Bildkanten herum eröffnet den Arbeiten eine zweite Präsentationsmöglichkeit. Ihrer Reihenfolge nach werden die Bilder gestapelt, die Bildoberflächen verschwinden, während an den Seiten das Organisationssystem als neues Bild erkennbar wird. Diese Möglichkeit der Komprimierung als eine grundlegende Eigenschaft elektronischer Bilder überträgt die Künstlerin auf gemalte Bilder, die sich im Anschluss, gleichsam einer Metamorphose unterzogen, als dreidimensionales Objekt präsentieren.
Eingeordnet in den zeitgenössischen Theoriekontext regen Doris Martens „Bildsysteme“ eine höchst interessante Zwischenposition an, gleichsam einen dritten Weg jenseits von Strukturalismus und Individualismus. Denn einerseits weisen die Arbeiten die Subjektkonzeption des Strukturalismus – die den einzelnen Menschen in seiner symbolisch-künstlerischen Tätigkeit als passives Werkzeug eines Diskurses oder einer anderen übergeordneten Struktur (etwa der digitalen Bildgebung) ansieht – eindrücklich zurück. Andererseits kritisieren sie in Motivwahl, Aufbau und Anmutung die Idee des künstlerischen Individualgenies, das Strukturen ganz aus sich heraus schafft. Bei den PINK PAINTINGS tritt in diesem Zusammenhang vor allem die produktive Rolle des Zufalls, der versehentlichen Abweichung und der technischen Fehlleistung in den Vordergrund. Denn in dieser Serie wird das elektronische Versagen einer Digitalkamera zum Ursprung neuer Motive.
Der Zweifel an der Wahrhaftigkeit eines digitalen Bildes wird durch die Verwendung fehlerhafter Aufnahmen noch einmal potenziert. Was diese Bilder als Bilder letztendlich motiviert hat, ist unklar. Allein ein Lichtstrahl, ein Schatten, ein Umriss bleibt als Darstellung der sogenannten Realität. Bereits mit dem Akt der Auswahl durch die Künstlerin aber erfahren diese Zufallsprodukte eine Aneignungsbewegung aus der technisierten Anonymität.
Durch das Malen übersetzt Doris Marten die Motive dann in die geteilte Wirklichkeit des Betrachtens. Den digitalen Bildern wird der kausale Eindruck des handelnden Subjekts entgegengesetzt. Nicht der individuelle Pinselgestus, sondern die Tätigkeit des Malens an sich und die sichtbar gewordene Investition an Zeit bilden hierbei den Schwerpunkt. Materialisiert mittels Ölfarbe und Leinwand, tatsächlich und greifbar geworden, verweigert sich das Bild jedoch vereindeutigenden Zugriffen. Aufgrund der ineinander übergehenden Farbverläufe ist eine fokussierende Betrachtung nicht möglich, einmal mehr entzieht sich das Gezeigte endgültiger Bestimmung.
Die Art der Malerei ist dem Motiv entsprechend gewählt. Vergleichbar mit Pixeln, den Bausteinen digitaler Darstellungen und ähnlich den GRIDS, die sukzessive von einem Streifengeflecht überzogen werden, sind hier die Elemente des Bildes Linien, die aneinandergereiht das Motiv entstehen lassen. Die Farbwahl – Pink in Verbindung mit mondän wirkenden, großen tiefschwarzen Flächen – lässt in ihrer Unheimlichkeit die Zweifel der Künstlerin an der unkritischen Haltung der digitalen Bildbewunderung durchscheinen. Dem damit zusammenhängenden Anspruch auf Perfektion und Ästhetik jedoch wird Martens Malerei durchaus gerecht. Verborgen hinter einem glänzenden Firnis verrät sie ihre Materialität nur ansatzweise, so zurückhaltend, dass die Gemälde, prozessualen Grundintentionen folgend, eher das Dinglich-Werden als ein Dinglich-Sein akzentuieren.
Mit den Mitteln einer minimalen, mikroskopischen Auslotung lösen die Bilder den Wahrhaftigkeitsanspruch des gemalten Bildes ein, ohne sich dabei zu weit von der Motivation der Künstlerin, der Bildkritik im Zeitalter digitaler Illusion, zu entfernen.